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Die Lieder der Neuen Musketiere

  "Les nouveaux mousquetaires" (dt. Die neuen Musketiere) heißt das zweite Album des Mannheimer Duos Blandine Bonjour und Bernd Köhler. Es ist thematisch eine Fortsetzung der ersten CD und zugleich hörbar eine Weiterentwicklung. Blandine und Schlauch sind schon seit drei Jahren erfolgreich mit ihren Liedern unterwegs, hauptsächlich in Frankreich und Deutschland. Basis ihres Erfolgs ist sicher die versierte Umsetzung ihrer Mission, eine aktuelle Interpretation vergessener oder vergessen geglaubter politischer Chansons, Arbeiter- und Protestlieder zu präsentieren. War diese Auswahl bei ihrem ersten Album noch fast ausschließlich auf das französische Liedgut konzentriert, beinhaltet die neue CD insgesamt 13 Songs aus Deutschland, Sizilien, der Türkei, den USA und Frankreich, und erhält somit einen internationaleren Charakter. Gleich der erste Titel ist ein Ohrwurm: im Unterschied zur Schnulze "Que sera" von Doris Day handelt es sich bei „Che Sara“ (u.a. interpretiert von Jose Feliciano) um ein politisches Migranten-Lied: "Was wird sein? Das ist die Frage, die sich die Migranten stellen, wenn sie ihr Land verlassen müssen und hoffen, eines Tages wiederkommen zu können." Daneben gibt es Lieder, die tatsächlich in Vergessenheit geraten sind und nun in neuem Gewand mitsingfähig präsentiert werden, etwa das alte deutsche Anti-Kriegs-Lied "Ich bin Soldat", in den 70ern bekannt gemacht durch Zupfgeigenhansel. Oder der französische Klassiker von Boris Vian "Le Deserteur", eine der vielen Hymnen der 80er-Friedensbewegung, wunderbar in der französischen Sprache gesungen von Blandine. Jeder wird auf diesem Album wohl seine Favoriten finden. Für mich sind es die auch musikalisch besonders gelungenen Lieder "Kardesin Duymaz" des türkischen Poeten Livaneli, das von einem politisch Gefangenen und dessen Träumen erzählt, sowie die Ballade "A vava inouva" aus Algerien, die in den 70ern auch in Frankreich ein Hit wurde. Die durchdachte Instrumentierung und das jeweils stimmige Arrangement gehören zu den musikalischen Stärken der beiden, die dabei von erfahrenen Kollegen unterstützt werden. Neben Adax Dörsam (Sas, Banjo, Lap Steel) und Laurent Leroi am Akkordeon, Adax war bereits beim ersten Album dabei, sticht bei mehreren Songs Hans Reffert (Guru Guru) mit seinem brillanten Gitarrenspiel hervor. Blandine Bonjour und Bernd Köhler bieten mit ihrer CD Begleitmusik zur gegenwärtigen politischen Situation: Die Massendemos in Athen, Madrid oder Rom machen Mut und sind vielleicht (Vor-) Zeichen eines notwendigen gesellschaftlichen Aufbruchs in Europa. In jedem Fall aber sind diese Massenproteste die richtige Antwort auf Merkozy - und für mehr und stärkere Gegenwehr sind dringend auch kulturelle Impulse gefragt, die das Bild eines anderen Europa schärfen. Mit ihrer ersten (!) Eigenkomposition "Les nouveaux mousquetaires", das zweite Lied auf dem Album, runden Blandine und Bernd ihren Sampler daher wunderbar ab. Übrigens: Mit der Verbreitung der Muskete im 16. Jahrhundert setzte sich die Feuerwaffe endgültig gegen die schnell überholten Ritter-Harnische und anderes veraltetes Kriegsmaterial durch. Aus dieser Facette des Umbruchs von feudaler Herrschaft zu neuzeitlich-bürgerlichen Gesellschaften strickte Alexandre Dumas 300 Jahre später seine Romanhelden "Die drei Musketiere". Ob die "Neuen Musketiere" der Gegenwart, für die Blandine Bonjour und Bernd Köhler singen, ähnlich gewaltige gesellschaftliche Umstürze bewerkstelligen, wird aber nicht nur von neuen technischen Entwicklungen wie dem Internet abhängen, sondern von realen Massenbewegungen vor allem der arbeitenden Klasse. "Einer für alle, alle für einen" jedenfalls ist auch für heutige Kämpfe nicht der schlechteste Wahlspruch.

Die CD ist erschienen bei JUMP UP in Bremen und kann dort bestellt werden: JumpUp, Postfach 11 04 47 28207 Bremen oder e-mail: info@jumpup.de

 

 

Zum Tod von Franz Josef Degenhardt

Diether Dehm

Franz Josef Degenhardt war ganz früher in der SPD, republikanischer Anwalt. Die süffisant-subtile Zensur, gepanzert mit brutalem Antikommunismus, zeigte ihm Wege, immer weiter nach links. Er stellte Fragen, auch dort, wo Fragenstellen verboten schien. Und sang selbst gegen die Instrumentierer des Prager Frühlings, ‚das goldene Prag‘: "Und wenn die Gold sagen,/meinen die Gold“.

Die stillen Heldinnen und Helden des entschiedenen Teils der Arbeiterbewegung waren sein neues Deutschland: der Kommunist Rudi Schulte, die Mutter Mathilde, die Natascha Speckenbach.

Schräge Vögel, wie sie seine Schwägerin Gertrude Degenhardt für viele seiner Plattencover zeichnete, waren die Zwischenwelt zwischen den niederträchtigen Exekutoren des Posthitlerismus und den roten Lichtgestalten, deren Schwächen er keineswegs ausblendete, um dem Realismus die größte methodische Dimension zu erhalten: die Dialektik.

Franz Josef Degenhardt Einer der größten Erzähler, von der Räudigkeit in diesem Deutschebankstaat; von der Menschenliebe der Kapitalfeinde.

Adieu, Karratsch*

Diether Dehm (früher Lerryn**)

 

Heinz Stehr

Ein Freund und Genosse

Franz Josef Degenhardt gehörte zu jenen Persönlichkeiten, von denen man den Eindruck hat, sie werden nie älter, auch weil sie so brennend aktuell in ihren Aussagen sind. Es ist fast zeitlos, was er geschrieben und gesungen hat. Es bleibt zeitlich, bis endlich auch in diesem Land die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden. Sein Anliegen war es vor allem für eine sozialistische Zukunft zu streiten.

Unsere Kontakte ergaben sich nicht nur daraus, dass wir im gleichen Landkreis lebten, sondern vor allem aus der über viele Jahre engen freundschaftlichen und politischen Beziehungen zu meinen Eltern Gemeinsam haben wir in der Zeit der Berufsverbote gekämpft, um Lehrerinnen und Lehrer, Angestellte im öffentlichen Dienst oder auch bei der Post zu unterstützen, damit deren verfassungsmäßige Rechte durchgesetzt werden konnten. Karratsch unterstützte die Bewegung zur Befreiung von Angela Davis, diese weltweite Bewegung hat ihr Leben gerettet. Die völkerrechtliche Anerkennung der DDR hat er gefordert. Viele gemeinsame Aktionen zur internationalen Solidarität hat er mit gestaltet. Er konnte den Sieg des vietnamesischen Volkes über die USA mit uns seinen Genossinnen und Genossen feiern. Wo es notwendige Aktionen gegen Nazis gab, war er dabei.

Wegen der Zusammenarbeit mit Kommunistinnen und Kommunisten, wegen seinen politischen Positionen geriet er mit SPD-Verantwortlichen in Konflikt. Gegen ihn wurde ein Parteiordnungsverfahren bis hin zu einem Ausschluss organisiert. In dieser Zeit wurde er Mitglied der DKP. Dass er einer von uns ist, darauf sind wir stolz.

Seine Lieder, Bücher und die Diskussionen, die wir miteinander führten, bleiben auch deswegen in meinem Gedächtnis, weil sie viele Anregungen zum Nachdenken und zum Überprüfen von Positionen forderten. Sie waren auch Anregungen zum Handeln.

Karratsch musste einen hohen Preis zahlen für seine Mitgliedschaft in der DKP. In öffentlichen Medien fand er kaum noch statt. Antikommunismus schlimmster Form prägte manche öffentliche Darstellung. Da war es wohltuend, dass er den Kulturpreis des Kreises Pinneberg bekam. Es war die einzige Veranstaltung diese Art, an der ich als Vorsitzender der DKP teilnehmen konnte. Da das Votum für die Verleihung des Preises einstimmig war, kann man davon ausgehen, dass diese Auszeichnung der hohen Wertschätzung und der öffentlichen Anerkennung entspricht, die er tatsächlich hatte. Die Nachrufe und Würdigungen jetzt belegen diese Vermutung.

Vor einiger Zeit haben Genosse Herbert Offermanns und ich Karratsch besucht. Auch dieses letzte Treffen war ein bleibender Eindruck. Kämpferisch, solidarisch, und an der Entwicklung der DKP interessiert, erlebten wir ihn. Mit seiner Frau Margret genossen wir die Zeit in Quickborn. Auch dieser Kontakt mit ihm gibt uns Kraft und Zuversicht. Wir spürten Wärme und Zuneigung unter uns Genossinnen und Genossen.

 

Schmiddl für die Oma Körner Band

Er sang schon deutsch und denkend als beides noch als undenkbar galt. Das mit dem Deutsch ist seither häufiger geworden. Dennoch erinnere ich mich an keinen deutschen Liedertext, der so eindrückliche Bilder in meinem Kopf erzeugte, wie es vieler seiner Texte tun. Sie können Herzen erfreuen und brechen. Sie können aus Hören Empfinden machen. Noch 100 Jahre lang.

 

Dirk Wilke von Rotdorn

Mit Franz-Josef Degenhardt verlieren wir Kommunistinnen und Kommunisten einen treuen und unbeugsamen Kämpfer und die deutsche Kulturszene einen ihrer bekanntesten, beliebtesten, engagiertesten und wichtigsten Künstler, der vor allem als Liedermacher über Jahrzehnte hinweg eine Vielzahl von Kunstschaffenden inspiriert und die musikalische Landschaft in Deutschland geprägt hat. Aufgewachsen als Kind kommunistischer Eltern habe ich bereits Anfang der 60er Jahre die Musik von Franz-Josef kennen und lieben gelernt. Seine Lieder haben mich auch in all den folgenden Jahrzehnten, zunächst als junger SDAJ ´ler und später als DKP-Mitglied, nachhaltig beeindruckt und mir immer wieder darin in der Gewissheit bestärkt, auf der richtigen Seite zu stehen und für die gemeinsame gerechte Sache zu kämpfen. Seine Songs, seine treffsicheren und scharfzüngigen Texte haben mir immer aufs Neue Mut gemacht, mich gemeinsam mit meinen Genossinnen und Genossen gegen Ungerechtigkeiten in diesem Lande zur Wehr zu setzen und Missstände anzuprangern. Letztlich waren es linke Kulturschaffende wie Franz-Josef Degenhardt, die mich dazu gebracht haben, ihrem Beispiel zu folgen und selbst musikalisch tätig zu werden. Für diese Ermutigung, die Kraft und Zuversicht, die mir „Väterchen“ Franz während der letzten Jahrzehnte durch sein künstlerisches Schaffen vermittelt hat, bin und bleibe ich ihm zutiefst dankbar.

 

Sonja Gottlieb

Ein Abschiedsgruß kommt aus Idar-Oberstein, wo Franz Joseph gern zu Gast war.

Was wäre ich als Liederinterpretin ohne solche Texte und Melodien wie er sie und seine Liedermacherkollegen geschrieben haben. Politisch aktuell, bissig, philosophisch, poetisch, Humorvoll.

Seine Lieder werden uns weiterhin begleiten.

In Dankbarkeit

 

Bettina Jürgensen

Er hätte sich sicher gefreut über die Feiern, die zu seinem Geburtstag geplant waren. Nicht nur wegen der Auftritte der mit ihm verbundenen Künstlerinnen und Künstler, sie wären auch ein Beispiel politisch bewegender Kunst geworden. Jetzt werden die Feste einen anderen Charakter bekommen, hoffentlich im Sinne Degenhardts immer noch mit einem bissigen Blick und Wort, das unsere gesellschaftlichen Verhältnisse auf- und angreift. Mit Worten und Meinungen, die die Wünsche und Hoffnungen der Menschen auf eine andere Welt, die ein gleichberechtigtes Leben in Frieden und mit sozialer Gerechtigkeit darstellen. Dafür ist er mit seinen künstlerischen Mitteln aufgetreten. Vielen Menschen hat er mit seiner Stimme, seiner Musik, seinen Büchern nachdenkliche, aber auch streitbare, aufmunternde und kämpferische Stunden bereitet. Und Franz Josef lebte, was er in „Zwischentönen“ und direkt vermittelte. Einfach hatte er es sich – und damit auch seiner Familie – nicht gemacht. Als geachteter Künstler und Rechtsanwalt ist er gegen die Berufsverbote in den 70er Jahren angetreten. Die SPD hat ihn 1971 ausgeschlossen, weil er zur Wahl der DKP für den Landtag in Schleswig-Holstein aufgerufen hatte. Eine Konsequenz war sein Eintritt in die DKP. Wohl wissend, dass er als Künstler nun ähnliche Erfahrungen machen musste, wie die von ihm vertretenen Berufsverbotsopfer. Degenhardt wurde aus den bürgerlichen Medien verbannt. Es ist denen nicht ganz gelungen, die Kunst Degenhardts wurde zu sehr geschätzt. Er blieb und bleibt einer der größten politischen Kulturschaffenden in diesem Land. Müßig eigentlich, die Frage zu stellen, welche Achtung ihm und seiner Arbeit entgegengebracht würde, wäre er nicht Kommunist geworden: von der einen Seite hätte er vielleicht mehr Aufmerksamkeit für sein Schaffen erhalten. Für uns zählten seine Parteilichkeit, die damit verbundene Menschlichkeit und der Mut für neue Ideen. Er war und bleibt unser Genosse mit dem aufrechten Gang. Wir sind mit seiner Familie traurig, dass er nicht mehr lebt. Doch er wird uns auch in Zukunft mit seinen Liedern bei unseren Festen und bei unseren Kämpfen für eine sozial gerechte und friedliche Welt begleiten. Farewell, Franz Josef!

 

Jane Zahn

1971, München. Eine große Bühne, ein kleiner, kompakter Mann mit Gitarre. Zwischen den Liedern steht er auf, dreht eine Runde um den Hocker, auf dem er saß, setzt sich wieder und macht weiter. Der Beifall scheint ihn nicht zu berühren, und doch spürt jeder im Saal, dass dieser Mann für ihn singt, ihn erreichen will.

Wie auf Kupfer gestochen sind seine Lieder, die Worte, die Noten. Unvergesslich seine Figuren: Horsti Schmandhoff, die Schmuddelkinder, die rote Mathilde, der Rudi..... Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf? Wie viele wunderbare Zwischentöne hat Väterchen Franz uns gegeben! Auch wenn jetzt der Tod ihn uns entzogen hat, und wir seinen 80. Geburtstag nicht mehr feiern können: Lasst uns zusammenkommen am Tisch unter Pflaumenbäumen und ihn feiern! Denn es bleibt, wie er gesungen hat:

Unsere Sache steht nicht schlecht!

 

Einhart Klucke

Hallo Väterchen Franz, wenn Du wüsstest, wer alles Nachrufe über Dich verfasst hat von Junge Welt bis Bild. Du würdest Dich wundern. Und alle schreiben voll Respekt, selbst die, die früher Deine ärgsten Feinde waren. Das zeigt uns, die wir Dich vermissen werden: Väterchen Franz ist zwar tot – aber es lebe Väterchen Franz! Deine Lieder werden noch gebraucht – Es grüßt Dich Einhart Klucke

 

Bernd Köhler

Um wieviel lieber hätte ich meine Erinnerung an Franz-Josef Degenhardt zu seinem 80. Geburtstag geschrieben, dem Lebenden zur Kenntnis, mit guten Wünschen und einem frohen Glückauf. Es hat nicht sollen sein. Seine schwere Erkrankung war bekannt und er wäre wohl der Letzte gewesen, der der Endlichkeit menschlichen Schaffens nicht realistisch entgegengesehen hätte. Franz-Josef-Degenhardt ist tot, seine Lieder leben weiter.

Verabschiedet hat sich der große Erzähler, Schreiber und Musikant schon mit seiner letzten CD, die nicht, wie in vielen Nachrufen erwähnt, die Scheibe „Dämmerung” war, sondern durchaus fröhlich und nach vorne gewandt, „Dreizehnbogen”. Da war er schon länger nicht mehr aufgetreten, doch die Stimme klingt frisch wie am ersten Tag, wenn er von der Reise „den Fluß hinunter” erzählt oder in seiner Interpretation von Louis Fürnbergs „Jeder Traum” sein knappes Lebensresümee zieht: „Jeder Traum, an den ich mich verschwendet / Jeder Kampf, da ich mich nicht geschont / Jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet / Alles hat am Ende sich gelohnt. // Unser Leben ist doch schwer zu tragen / Und nur, wenn man auch zusammenhält / hat man Kraft zum Leben ja zu sagen / und zum Kampf für die ganz andere Welt // Ja, ich hab mein Schicksal längst beschlossen / als ich mich zum Widerspruch entschied / Wenn ich singe Freunde und Genossen / gehen unsre Träume durch mein Lied". Einfache Wahrheiten, gelassen und in sich ruhend zur gezupften Gitarre auf den Punkt gebracht.

Er hat ihn nie aufgegeben, diesen Traum, dass ein für alle menschenwürdiges Leben erreichbar ist. Auch in den bitteren 90er Jahren nicht. Als ich und viele andere die Gitarre in die Ecke stellten, weil keine Töne und Worte mehr zu finden waren, die unsere Enttäuschung und Ratlosigkeit hätten zum Ausdruck bringen können, saß er zum Interview beim NDR (Ja, jetzt holte man ihn, den kommunistischen Barden, weil man dachte, er würde sich vorführen lassen) und erklärte ganz selbstverständlich, warum er seinen Schritt auch jetzt nicht bereue, von der SPD in die DKP gewechselt zu sein, weil dort ja immerhin noch Kommunisten organisiert seien, die eine Fundamentalopposition in diesem Land dringend brauche. Da konnte der Moderator sich winden wie er wollte, er musste ihn ausreden und dann auch noch sein Lied „aus der Gruft heraus” singen lassen: „Das REICH erwacht zu neuer Größe / wir haben gedüngt / KAMERAD / jawoll, mit Blut und Blut / und ihr fahrt jetzt die Ernte ein”

Diese Warnung kam damals wenigen öffentlich über die Lippen, obgleich die Bedrohung allgegenwärtig war. Franz-Josef Degenhardts Lieder waren durchdrungen von dieser Melange aus Erkenntnis und Widerspruch, die doch fast nie im nur Agitatorischen versank. Deshalb haben uns seine Lieder so berührt, haben unsere Biografien geprägt. Seine Typen, wie Natascha Speckenbach oder Rudi Schulte wurden gute Bekannte, seine Situationsbeschreibungen hallten in uns wieder als hätten wir sie selbst erlebt. Wer solches erreicht, ist ein großer Künstler. Degenhardt hat dies ohne großes Aufheben getan, sein Vortrag war spröde, fast unterkühlt. „Ich bin Westfale, also kein gewandter und geistsprühender Causeur aus der "Lamäng", kein Stegreifplauderer. Bleibt als Ausweg, sich seine Geschichten vorher auszudenken und zu formulieren. Formuliert man langsam und gründlich, so entstehen Gedichte. Trägt man diese dann singend vor, so sind es Lieder. Die meisten meiner Lieder habe ich denn auch, eben als meine Geschichten, in trinkfreudigen Freundesrunden gesungen.” schrieb er im Begleittext zu seiner zweiten LP 1963.

Ich hatte wenige persönliche Begegnungen mit ihm. Die erste war ein gemeinsames Konzert im Mannheimer Rosengarten 1972. Da war ich der jugendliche Rebell, der punkmässig in die Gitarre drosch und die Revolution beschwor bis die Saiten rissen und er war schon der Erzähler, der uns mit seiner gelassenen Überzeugung in den Bann zog. Das letzte Gespräch war, als er mich 2008 nach meiner neuen Solo-CD anrief, um mir erstmal für mein jahrelanges politisch-musikalisch-aus-der-Welt-sein den Kopf zu waschen, dann aber auch um mir zu dieser CD zu gratulieren. Es gab nicht viele persönliche Begegnungen, unsere Auftrittswelten waren zu verschieden und doch war er mir ein guter Bekannter, Vertrauter, in dessen Liedern ich versank, auf der Suche nach der Magie seiner Worte, nach dem Wesentlichen seiner künstlerischen Arbeit. Wenn ein deutscher Liedermacher mich nachhaltig geprägt hat, dann war er es, immer wissend, dass seine Art etwas Unerreichbares sein würde.

Im Sommer traf ich eine jüngere Genossin aus der Antiimperialistischen Szene, die lange Jahre in Berlin gelebt hat. Auf meine Frage, was sie dort so gemacht habe, meinte sie kurz „ich habe für die Revolution gearbeitet”. Sie gehört zu denen, die Franz-Josef Degenhardt in dem Buch „Brandstellen” mit viel Sympathie beschreibt: „Ohne Leute dieser Art wäre zu allen Zeiten manche Widerstandsaktion, Erhebung, Revolte oder sogar Revolution gescheitert, manche allerdings auch gelungen. Sie waren unberechenbar...”. Für diese Genossin gehören die Lieder von Franz-Josef-Degenhardt genauso zu ihrem Leben wie die von Ton-Steine-Scherben. Das ist so und das wird so bleiben. Franz-Josef Degenhardt ist tot, doch seine Lieder, Texte und Bücher leben weiter. Viele wollen auch erst noch entdeckt werden.

Werner Lutz

In der Erinnerung an meine Jugendzeit sind seine Lieder untrennbar verbunden mit progressiver Musik (ja, so hieß das damals noch) von Emerson, Hendrix oder den Who.

Er ist für meine Politisierung mit verantwortlich, ich habe ihm viel zu verdanken. Er war für mich Aufklärer und Geschichtslehrer, von ihm hörte ich 1972 das erste Mal den Rudi Schulte und etwas über Kommunisten, einige Jahre später lernte ich von ihm, dass man die roten Hähne nicht zu früh flattern lassen darf.

In den Kneipengesängen der 70er hatte ich meist die einfacheren Songs von ihm drauf und erblasste vor Neid, wenn einer die „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ singen konnte, und zwar auswendig.

Als Ende der 80er vor dem eigentlichen Mauerfall der ideologische Mauerfall durch Gorbatschow vollzogen war, schrieb er eines der für mich wichtigsten und schönsten Lieder. Eine Lobeshymne auf alle, die weitermachen für unsere Sache:

„…Ob das so kommt und ob das so geht, das weiß ich nicht mehr, ich sing nur dies Lied.

Doch ohne die, für die ich es sing’, hätt’ alles kein Sinn.“

 

Zum ersten Album von SubTerra: Buscand o Buscanda del sol

 

SubTerra ist eine Band, die in der Tradition der Musik von Inti Illimani, Victor Jara und Quilapayun steht.

Die Musiker sind seit vielen Jahren in Giessen zuhause, und die Lieder auf ihrer ersten CD wecken mehr als nur nostalgische Erinnerungen an die Zeit der Chile-Solidarität ab dem Putsch 1973. SubTerra geben mit ihrer Musik, dem chilenischen politischen Lied und der chilenischen Folklore vielmehr ein zeitgemäßes und ansprechendes neues Gesicht.

Mehrere Titel auf dem Album sind von Inti Illimani, und einer der Standardsongs des internationalen Solidaritätsliedes – auch heute noch von vielen Gruppen gesungen und weltweit bekannt – „Hasta siempre comandante“ von Carlos Puebla Pueblo, ist auch dabei (eine wunderschöne, ruhig-nachdenkliche Interpretation im Rumba-Stil).

Bereits beim ersten Lied ist unüberhörbar, daß SubTerra professionell ihren eigenen Stil für die Interpretationen von Inti Illimani-Songs entwickelt. Insofern ist das Album zusätzlich zu den populären Vertretern des chilenischen politischen Liedes wie Inti Illimani und Quilapayun eine wichtige Ergänzung und Bereicherung.

Im Jahr 1989 wurde SubTerra in der Bergarbeiterstadt Lebu in Chile als Band des Betriebsrates der Bergbaugesellschaft gegründet. Es folgten fünf Jahr lang Auftritte mit politischer Musik regional und überregional im Süden Chiles.

Nachdem der Frontmann von SubTerra, Ewald Buchholtz, im Jahr 1994 nach Deutschland übersiedelte, wurde die Band aufgelöst. Sechs Jahre später wurde SubTerra wieder neu gegründet. Seit 2000 spielen sie ausgewählte politische Musik aus Süd- und Mittelamerika.

Das vorletzte Lied auf der CD, „Ni chicha, ni limona“ von Victor Jara, steht für eine Reihe von Liedern des großen Künstlers über das aktuelle politische Geschehen in Chile.

In der Musikrichtung legt sich SubTerra nicht fest, sie spielen verschiedene Rhythmen und es wird viel improvisiert. Ihr auf ihrer Homepage verkündeter Anspruch „…Musik zu machen nicht aus finanziellen Erwägungen und nicht nach Gewinn streben…“, wird bei den Auftritten SubTerras gelebt: So spielen sie am 23.4.2010 um 20.00 Uhr im Cafe Amelie in Giessen bei einer Solidaritätsveranstaltung für die Erdbebenopfer in Chile. Der an der Kasse zu entrichtende Solidarbeitrag geht an die Erbebenopfer in Chile.

Am 12.06.2010 um 20.00 Uhr spielt SubTerra außerdem in der Griechische Gemeinde in Bonn, und am 1. Mai-Fest des DGB in Marburg (Elisabeth-Blochmann-Platz, Uhrzeit: 13:30h ). ).

Die CD kann gegen eine Spende über die Webseite Die CD kann für bestellt werden bei Pablo Buchholtz

Email: www.subterra-band.de gatica.buchholtz@googlemail.com bestellt werden.
Handy: 015787258168
Festnetz: 0551 6341530

 

...In dieser Zeit – in unserer Zeit...

 

zur neuen CD von EWO2 „Avantipoplo 2“

Wer das künstlerische Schaffen von Schlauch (Bernd Köhler) kennt, weiß um sein vielseitiges Engagement: er (beg-)leitet den Alstom-Chor, tritt nach wie vor alleine auf - und wirkt seit einigen Jahren erfolgreich mit dem kleinen Elektronischen Weltorchester (EWO2).

Gleich vorweg: das zweite Album von EWO2 ist meiner Meinung nach unverzichtbar für alle Fans des politischen Liedes in unserem Land. Es ist eine wunderschöne Zusammenstellung von Traditionals des internationalen und deutschen Arbeiterliedgutes, von Brecht-Eisler-Kompositionen – sowie bekannter Songs von Schlauch aus früheren Jahren.

Wer allerdings nur eine Mitsing-Scheibe erwartet, wird enttäuscht sein. Bernd Köhler und EWO 2 bieten mehr: sie zwingen bei den meisten der Songs mit eigenen einfallsreichen Arrangements vor allem zum Zuhören... – und das lohnt sich!

Das erste Lied auf der CD, „La Lega“ präsentiert einen optimistischen Einstieg. Apropos, wer kennt heute „La Lega“ noch? „La Lega“ – „der Bund“ entstand Anfang des letzten Jahrhunderts als Lied der Reispflückerinnen in der Po-Ebene. Bekannt geworden ist das Lied in Deutschland in den Siebzigern vor allem durch den Bertolucci-Klassiker „1900“.

Daß Ewo2 dieses Lied wieder ins Blickfeld rückt, ist nicht nur eine Hommage an die Frauenbewegung der 70er und 80er, sondern eine stimmungsvolle notwendige Erinnerung, daß Lieder zu allen Zeiten Widerstand und Kämpfe begleitet haben, selbst wenn sie noch so aussichtslos schienen. Die Begleitung ist stilecht mit passendem italienischem Flair: Akkordeon (Laurent Leroi), Mehrstimmgesang beim Refrain und originellen Tremolo-Gitarren-Soli von Hans Reffert.

Danach folgt das historisch älteste (und für viele nach wie vor schönste!) Arbeiterlied „Bet und Arbeit“, zeitgemäß rhythmisch interpretiert – und ergänzt um die heute unverzichtbare Erweiterungsstrophe „Frau der Arbeit aufgewacht...“. - Das „Heckerlied“ (Melodie „freie Republik“) ist in der badischen Revolution entstanden und gehört ebenfalls zum historischen Liedgut aus den Anfangszeiten der deutschen Arbeiterbewegung.

Weltweit durch zahlreiche Versionen bekannt und schon lange zum Liedgut internationaler Arbeiterlieder gehörend bringt EWO2 den sozialkritischen Country-Song von Merle Travis, „Sixteen Tons“. In dem Lied werden die Zustände im amerikanischen Bergbau der Vorkriegszeit behandelt. Die Arbeiter wurden nicht mit Bargeld, sondern mit speziellen Coupons entlohnt, die nur in firmeneigenen Läden (Company Stores“) eingelöst werden konnten. So entstand ein der Leibeigenschaft ähnliches Abhängigkeitsverhältnis. Für mich eines der Lieblingslieder auf der CD und als urwüchsiger Blues eingespielt (eine Steilvorlage für die Gitarrensoli von Hans Reffert).

Das „Solidaritätslied“ von Brecht / Eisler ist kompositorisch eine Weiterentwicklung des Grundanliegens der Internationalen Solidarität. Angelehnt an die Eisler-Fassung erfolgt die instrumentelle Begleitung zum Schluß mit einer türkischen Saz (Adax Dörsam). An dieser Stelle wäre überhaupt zu den musikalischen Leistungen der Mitglieder von EWO2 was zu sagen: Für Keyboard, Synthesizer, Drum-Programming & Electronic steht die Profi-Musikerin Christiane Schmied. Neben Bernd Köhler (Gesang & Gitarre) ist ebenfalls unverzichtbar für die Band Rock-Urgestein Hans Reffert (Guru Guru) als Sologitarrist. Und mitgemacht haben bei der Platte wie bereits erwähnt Adax Dörsam (Saz/E-Git./Mandoline/Bass) sowie Laurent Leroi (Akkordeon).

Neben den Traditionals, die auf der CD in großer Bandbreite vertreten sind (außer den bereits beschriebenen wären noch zu nennen die „Resolution der Kommunarden“ von Brecht und das Schlußlied „Bella Ciao“, gibt es mit „Schon“ auch eine Hommage an den großen russischen Revolutionspoeten Majakowski (ein Text, den Majakowski 1923 während eines Aufenthalts im krisengeschüttelten Berlin schrieb). Und eine tolle Brecht-Interpretation, bei der die gesanglichen Leistungen von Schlauch zum Ausdruck kommen: „Oh Fallada, da du hangest oder, ein Pferd klagt an“ – mahnt visionär den drohenden Faschismus und die Verrohung der Menschen in Zeiten der ökonomischen Krise an.

 

Völlig stimmig zur CD passen für mich allerdings auch 3 ältere Lieder von Bernd Köhler: der bekannte „Stahlwerkersong“ (er entstand für eine große Demo 1983 in Bonn), „In dieser Zeit“ (in der Liederbestenliste bereits aktuell auf Platz 5), veröffentlicht auf der ersten LP 1972, und – passend zum zeitgeistlichen Ambiente, das uns mit Schwarz-Gelb jetzt erst recht bevorsteht: der Rückkehr zum totalen AKW-Staat – der Song „Seltsams Traum“ (es ist eine Aktualisierung des Brokdorfliedes aus dem Jahr 1986).

 

Die neue avantipopolo-CD ist erschienen bei JUMP UP in Bremen und kann dort für 12,50 Euro bestellt werden: JumpUp, Postfach 11 04 47 28207 Bremen oder e-mail: info@jumpup.de

Live zu hören ist ewo2 mit dem Programm zur neuen CD am 03.11. in Sprockhövel, 08.11. in Mannheim, 28.11. Nürnberg, 03.12. Wien und 04.12. in Graz. Weitere Infos unter: www.ewo2.de


Es wär’ nur deine Schuld, wenn sie so bleibt...

Die Oma Körner Band in neuem Gewand:

Zum soeben erschienenen Album „Reine Weissheit“

Lange nichts mehr gehört von der OKB. Die letzte CD ist 2004 erschienen. Auch wenn die bekannte Politfolk-Gruppe aus Hamburg vor allem eine Live-Band ist, die bei jedem Sauwetter und fast allem, was sich politisch bewegt, mit dabei ist, weckt ein in Schmiddels Studio (in dem u.a. Rotdorn aufnimmt) produziertes Album seiner eigenen Kapelle nicht nur bei den Hamburger Fans großes Interesse, sondern weit darüber hinaus.

Auf den ersten Blick hat sich wenig geändert bei der OKB. Die Besetzung ist immer noch die gleiche (bewährte): Stefan Schmidt , Gudrun Rieffel, Jens Wilke, Horst Warncke, Ija Badekow, Malte Hansen (früher Antropos). Spätestens beim ersten Anhören wird man allerdings eine enorme Bereicherung durch weitere Musikinstrumente (im Studio) feststellen: Neu sind Lap-Steel (Heiko Linke, früher Radio Barmbek), Akkordeon und Trompete (Bernd Rüter), eine rockige E-Gitarre (Michael Schirmer) und eine Bratsche (Dirk Wilke, Rotdorn).

Von der Musik abgesehen gibt es unter den 15 Songs erfreulicherweise auch mehr „Dialektisches“ (Hamburger Platt) bei der OKB – selbstbewußt entgegen des bundesweiten Trends, die Mundart aus dem deutschsprachigen zu verdrängen und nur noch alles langweilig-gleichförmig auf hochdeutsch zu präsentieren. Die Qualität der neuen CD der Oma Körner Band zeichnet sich aber auch durch die Weiterentwicklung einer ihrer Stärken aus, die ihren Erfolg und ihre Beliebtheit seit Jahren ausmachen, nämlich: jeden Blödsinn, der in Deutschland und auf der Welt abläuft und von den Herrschenden fabriziert wird, aufzugreifen, ihn gelungen aufs Korn zu nehmen und als Lüge oder groben Unfug zu entlarven! Die Formen, wie das passiert, sind dabei unterschiedlich. Meist satirisch-humorvoll, manchmal kämpferisch oder nachdenklich-ruhig, aber immer aufklärerisch und stimmig! Für Nicht-Kenner der Oma Körner Band sei erwähnt, daß alle Liedtexte aus der Feder von Stefan Schmidt (früher Peter, Paul & Barmbek) stammen.

Das Eröffnungslied „Die Kraft“ bildet die inhaltliche Klammer zu den Themen aller anderen Songs. Es geht darin um eine spöttisch-kritische Abrechnung mit der Marktwirtschaft in fetzigem Folksound und das Lied wäre unter anderen zeitgeistlichen Rahmenbedingungen ebenso hitparadenverdächtig wie „das Bruttosozialprodukt“ von Geier Sturzflug in den frühen 80ern.

Eine Reihe der eingespielten Songs tragen wie immer das bewährte Markenzeichen der OKB: sie sind gecovert. Egal wie man zu Neuinterpretationen von traditionellen Liedern oder früheren Pop-Songs steht, es gibt für das Schreiben eines politischen Liedes nach einer bestehenden musikalischen Vorlage m.E. ein entscheidendes Kriterium: die musikalische Form ist zweitrangig, wenn der Inhalt stimmig ist und etwas dabei heraus kommt, was als geeigneter Träger für eine politische Botschaft taugt. Wobei „Covern“ genau genommen für solche Lieder ja nicht stimmt. Es ist neue Kunst, es ist ein neues politisches Lied, das dabei entsteht. „Covern“ ist nur das simple Nachspielen, das eine Tanzkapelle praktiziert.

Die Oma Körner Band ist beim Herstellen solcher Songs übrigens ebenso gnadenlos wie genial: auf der neuen CD hören wir u.a. einen neuen alten Beatles-Song: „Auf demselben Boot“ (Yellow Submarine). Es geht um die alte „Wir-sitzen-in-einem-Boot-Ideologie“, die aktuell bei der Finanzmarkkrise, aber auch bei der Klimakatastrophe neue Blütezeiten erfährt:

„...Und wir fahren voll voraus lutschen Wasser, Luft und Böden aus

Das bringt Geld und zwar zu Hauf’ und geht direktemang zur Brücke rauf...“

Vom Arrangement her ist die Aufnahme ein Hörgenuß. Sogar die für Beatleskenner unverzichtbare Bordlautsprecherdurchsage und die Bläser fehlen nicht...“ Neben dem Beatles-Hit gibt es noch einige andere gecoverte Songs: aus dem „Mann im Mond“ wird bei der OKB „die Crew vom Mars“, und „Marathon“ (ein schönes Nostalgie-Lied am Schluß in Erinnerung an bewegtere politische Zeiten) ist nach einer Melodie von David Berns entstanden:

„...Eingehakt ging´ wir durch die Hamburgs Straßen die Leute winkten fröhlich vom Balkon

Peter strahlte über alle Maßen heute läuft er Städte-Marathon...“

 

Absolut herausragend ist für mich allerdings das Lied „Deine Schuld“. Dies ist das erste und einzige Lied, das die OKB komplett von einer anderen Band übernommen hat und zwar von den „Ärzten“:

„...trau keinem der dir sagt, daß du nichts verändern kannst,

die die das behaupten, haben nur vor Veränderung Angst,

es sind dieselben, die erklären, es sei gut, so wie es ist,

und wenn du etwas ändern willst dann bist du automatisch Terrorist,

es ist nicht deine schuld, daß die Welt ist wie sie ist,

es wär nur deine schuld wenn sie so bleibt,

es ist nicht deine schuld, daß die Welt ist wie sie ist,

es wär nur deine schuld, wenn sie so bleibt...“

 

Im Lied „Zäune“ geht es um die globalen Zäune, die längst schon bestehen und an vielen Orten der Welt ständig neu errichtet...– aber (noch) nicht niedergerissen werden! Es geht um die Zäune der Reichen gegen die Abschottung der Armen. Seit Jahrzehnten sterben Millionen Menschen an Hunger und Durst oder leben unter grauenhaftesten Bedingungen in zahllosen Slums. Sie sind der menschliche Müll der Marktwirtschaft mit ihren so genannten Demokratien und Menschenrechten:

„...Ich sitze mit `ner Flasche Bier, den Atlas auf dem Schoss

und denke wieder mal bei mir: die Welt ist gar nicht groß.

Mein Finger liegt auf Kapstadt wo sich mancher gerne bräunt,

dort haben sich die Reichen ihre Viertel eingezäunt.

Das hör ich auch aus Mexiko und aus den USA,

da wo jemand Geld hat, ist der hohe Zaun schon da.

Dahinter sitzen die, die Mensch und Umwelt massakriern,

und dafür die richtig fette Kohle abkassiern.

Hätten Alle alles – dann wär’ viel im Lot

Hätten Alle alles – tät kein Zaun mehr Not

Es gibt genug von Allem für alle auf der Welt

doch das gehört ´ner handvoll – und die woll´n dafür Geld

´Ne Welt ohne Konzerne - was wär’ schon dabei?

Alles für alle macht frei!...“

 

In anderen, ruhigeren Liedern wie „Haifischzahnbar“ kommt noch eine bekannte Stärke der OKB zum Ausdruck, nämlich ihr erzählerisches Talent. Es geht um eine Kneipenbegegnung der unheimlichen Art - in die Stammkneipe brechen Yuppies ein:
“S ie lachen laut gröhlend – den Schlips auf halb acht

was ´ne urige Kneipe was ´ne saugeile Nacht

Nach etwa ´ner Stunde schieben sie raus

und fahr´n in ihr´n Audis nach Haus

Sieger und Loser sind sich ganz nah

unten am Hafen in der Haifischzahnbar

sie sitzen zusammen und wechseln kein Wort

an diesem geteilten Ort...“

(Anmerkung: dieses Lied entfaltet nur in Hamburger Mundart seine Nebenwirkungen)

 

Zum CD-Titel „Reine Weissheit“ schreibt Schmiddel für die OKB übrigens:

„...Wir bemühen uns mit Schärfe, Witz und Ironie der Idee der Solidarität zwischen reich und arm, zwischen Individuen und Völkern, neuen Glanz zu verleihen. Und es ist ganz erstaunlich zu erleben, wie vielen ganz normalen Menschen wir aus dem Herzen sprechen, wenn wir auf Stadtteilfesten oder in ganz gewöhnlichen Musikkneipen unsere Lieder singen. Nicht indem wir mit Schmutz schmeißen, sondern indem wir die „reine Weissheit“ verkünden...“

Die Oma Körner Band hat mit ihrem dritten Album im Grunde ein Konzeptalbum vorgelegt: Jawohl, diese CD liefert mit all ihren Liedern, der Musik, den Texten und Arrangements ein Konzept der linken Aufklärung und kämpferischen Gegenwehr, das optimal in die heutige Zeit und Stimmungslage paßt.

Man kann der Oma Körner Band bei der Umsetzung dieses Konzeptes nur besten Erfolg wünschen! Die CD kostet 12 Euro. Bestellungen können über die (zurzeit provisorische) Homepage vorgenommen werden: www.omakoernerband.de

 

 

Von Lampedusa und anderen Gewöhnlichkeiten

Die neue CD von Kai Degenhardt : Weiter draußen

Nach fünf Jahren gibt es endlich ein neues Album von Kai Degenhardt . Für die lange Wartezeit werdenseine Fans damit belohnt, daß es die Dimension eines Doppelalbums hat, es ist randvoll mit 70 Minuten Hörzeit und 18 neuen Songs. Kai’s Musik gehört zu dem Genre der „Singer-Songwriter“ („natürlich mache ich politische Lieder – was auch sonst“). – Weder Pendlerpauschalregierung noch Föderalismusreform werden von ihm allerdings auch nur im Ansatz textlich oder musikalisch behandelt. Es handelt sich um eine CD mit großer Bandbreite und Dichte, was die Themenauswahl angeht, und – gleich vorab – um einen musikalischen Hörgenuß der Vielfalt von Stilrichtungen und Arrangements bei den Songs. Wie Kai Degenhardt selbst dazu schreibt, ist es „...mehr als eine Ansammlung von Liedern auf einem Speichermedium... die Stücke sind auf gewisse Art miteinander verschraubt und verflochten, so daß z.B. spätere Lieder einzelne Elemente, Bilder und Motive, musikalische wie lyrische, aus vorhergehenden wieder aufnehmen oder von anderer Seite beleuchten...“

Zu den Stücken gehören Miniaturen über „kleine Leute“, die auf der Jagd nach dem Besser-Höher-Weiter ohne Chance die Bank drücken (im Park und auf dem Amt), die Wege zum Glück nur noch im Rückspiegel sehen. Wenig komfortabel ist es „ganz unten“, so wenig wie „weiter draußen“. Im gleichnamigen Titelsong ist das Außenseitertum zugleich künstlerische Haltung, die Unbestechlichkeit verbirgt: „Weiter draußen“ ist eines von einigen „Unterwegs“-Liedern. Ein fetziges Stück im R&B-Stil, in dem es um die fahrende Zunft der Musikanten geht („Selbstporträt“), mit markanten Bildern und den daraus gewachsenen philosophischen Erkenntnissen:

„...Leer am Abend meinen Kasten, steck die Silberlinge ein, und dann kommt auch schon die Frage, trifft wie immer mitten rein; was die Protestsong-Scheiße soll und was ich damit noch verdien’, ich sag’ verlegen meinen Satz auf und freu mich auf die Champions League - Sportsbar, Pay-TV, weiter draußen, irgendwo durch die Maschen gewischt. Kann nicht dafür, bin nicht dabei und würde nichts dagegen tauschen, zieh die Mütze ein Stück tiefer ins Gesicht, bin weiter draußen...“

Jährlich ertrinken viele hundert Flüchtlinge aus Afrika bei der Überfahrt mit Holzkähnen, Schlauchbooten und anderen Nußschalen im Mittelmeer. Wer es bis in die „Festung Europa“ schafft, hat aber noch lange nicht überlebt – und eine existentielle Perspektive erst recht nicht. Wen berühren noch die Zahlen der Abschiebungen, die Zustände in den Abschiebelagern, die Toten in den Abschiebeknästen? - In dem Lied „ D ie Tötung“ ist es Kai gelungen, am Beispiel des Flüchtlings Jean-Marie aus Bouaké einen mitreißenden und engagierten Beitrag zur Abschiebepraxis und dem Los der Flüchtlinge zu schreiben. Der Song endet so, wie das gewöhnliche Schicksal vieler namenloser in Deutschland zur Abschiebung Verdammter (oder in einem der Auffanglager wie Lampedusa inhaftierten Menschen) oft endet

: „...Am nächsten Morgen, Jean-Marie liegt kalt und starr auf seinem Fesselbett, „Herzversagen“, sagt der Arzt, „der schafft es nicht mehr in dem Jumbo Jet.“ Sara wartet ein paar Tage, wird dann sauer, und den Rest besorgt die Zeit. Der Richter sagt: „mangelnder Vorsatz“ und „fehlende Zurechenbarkeit“. Wiedervorlage, und auch Heiko kriegt die Akte noch mal auf den Tisch, macht ´nen Haken und sein Zeichen; in die Ablage, Verwandte gibt es nicht... Und ihr, die powered by emotion, kennt schon alle Katastrophen, seid gelangweilt oder gähnt über dieses Mörder-Lied, das nur irgendwas erzählt, doch die Herzen nicht berührt, weil es jeden Tag passiert.“

Herausragend ist auf dem Album auch ein Anti-Kriegs-Lied. Die tendenziell immer schrankenlosere Kriegseinsatz-Politik der abwirtschaftenden Bundesregierungen und die einer mordlüsternen NATO-Soldateska überlassene Eigendynamik (zum Beispiel!) in Afghanistan werden anschaulich skizziert, was bereits im Songtitel zum Ausdruck kommt: „Wir gehen rein“. „Von Baumholder nach Pristina von Kunduz bis Bagdad. Brennend heißer Wüstensand, robust ist das Mandat...“ Das Schlußlied „Möge die Macht“ (13.05 Minuten) handelt von einem an sich harmonischen Weihnachtsabend, an dem die Verwandtschaft zu Besuch kommt. Es ist ein klassisches Rollenlied: der weihnachtsabendliche Rundumschlag eines im Geist von 1968 geprägten Besserwissers und -verdieners aus dem ökolibertären Überbau mit all seiner langweiligen Beschränkt- und Verlogenheit:

„...Ja, ich gehe weiter in die Badewanne! Na und? Meine CO2-Jahresbilanz beträgt unter 10 Tonnen! Euer alter Straßenkampf dagegen – das ist Kasperle-Theater!...“

Es ist klar, daß Kai in seiner künstlerischen Arbeit nicht unerheblich durch seinen Vater Franz Josef Degenhardt geprägt ist. Dies äußert sich sowohl in seiner sprachlichen Kreativität und Lyrik, als auch zum Teil im Musikalischen und im Handwerk des Songschreibens. Kai folgt dem großen Chronisten FJD mit dem Porträt des Hans Böhm am Vorabend der Deutschen Bauernkriege, eines Freiheitskämpfers aus der Zeit des Vorabends der Deutschen Bauernkriege. „Der Dorfmusikant und Schafhirte Hans Böhm aus Niklashausen, auch Pfeiferhänslein genannt, war An- und Wortführer einer der frühen antifeudalen Erhebungen, die vor etwa 500 Jahren dem großen Bauernkrieg vorhergingen. Er verband die damals verbreiteten, religiösen Heilserwartungen von bevorstehenden großen Umwälzungen mit politisch revolutionären – ja frühen kommunistischen Vorstellungen. Der Traum von einer Sache war geboren! Aber Pfeiferhänslein ging noch weiter: Er versuchte, die Forderungen der Bauern in die Tat umzusetzen, und organisierte den bewaffneten Aufstand...“ Die Geschichte vom Pfeiferhänslein, der auch mit seinen Liedern und seiner Musik den Bauernaufstand im Fränkischen vorbereitet, steht im Grunde symbolisch für die Waffe der Kunst in der Revolution mit all ihrer Bedeutung... - und mit ihrer Begrenztheit, denn: „Lieder sind Brüder der Revolution, Lieder sind ihre Begleiter, doch stießen nicht Lieder die Zaren vom Thron, schuld an ihrem Ende – warn Hände, sind Hände.“ (Jahrgang 49/DDR)

Kai Degenhardt ist Perfektionist. Wer ihn bei Auftritten erlebt, wird dies immer wieder feststellen. Zum Beispiel wenn er seine Loop-Technik anwendet, sie vorher dem Publikum erklärt, verschiedene Instrumente nach und nach einspielt und dadurch eine stimmige instrumentale Begleitung für verschiedene Songs schafft (er könnte es sich ja viel einfacher machen und vorgesampeltes Zeug über einen CD-Player im Play-Back-Verfahren abnudeln). Das neue Album von ihm ist jedenfalls ein Beispiel seines weiterentwickelten musikalischen Könnens und seiner Gitarrenvirtuosität. Es gibt eine Vielzahl von Instrumenten, die eingespielt wurden. Mit dabei war auch Goetz Steeger (Baß, Keyboards, Percussion, Gitarre, Cittern).

 

Dreizehnbogen - die neue CD von Franz Josef Degenhardt


Nein, es ist kein Jubiläumsalbum für die 68er Bewegung. Und es ist auch weder zu erwarten noch zu wünschen, dass in dem medialen Geschichtsklitternden Sumpf, der zur Zeit über 1968 verbreitet wird, FJD eine Rolle spielt. Degenhardt hat allerdings nicht nur das politische Lied und das Liedermacher-Genre in diesem Land begründet und gilt bis heute als der bedeutendste, einflussreichste Sänger der so genannten 68er Bewegung – er beweist mit seiner neuesten CD-Veröffentlichung auf ein Neues, wie poetisch, lyrisch gekonnt, hochaktuell - und unverzichtbar er für uns ist. mehr

 

Dada Hoelz

Der Ritter Don Quijote war so verrückt, daß er gegen Windmühlen kämpfte, weil er dachte, daß sie die bösen Riesen wären, die an allem Unglück und an der Armut der Menschen schuld seinen. Als ihm die vernünftigen Leute seines Dorfes zu oft gesagt hatten, daß die Windmühlen nur Windmühlen sind und die Welt doch ganz in Ordnung ist, glaubte er ihnen das, legte er sich in sein Bett und starb aus Kummer, weil er dann nichts mehr für die Welt tun konnte.
Ähnlich geht es heute mir. Ich habe Charlys Ideen und viele Leute sagen, diese Ideen sind Quatsch und die Welt ist prima eingerichtet. Aber ich glaube ihnen nicht und habe für Florian und Linda dieses Buch geschrieben.
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Gschafft! Das erste Album der Ruam

Sie sind immer noch ein Geheimtipp, obwohl sie längst zum Programm-Standard der UZ-Pressefeste gehören (meistens beim Stand der Südbayern) - und bei den ersten beiden Kulturforen der DKP in Nürnberg waren sie die Ab-Rocker: die Ruam (hochdeutsch: Rübe) aus Regensburg.mehr

 

Lauter Kritik - Bandcontest - Gib deinem Protest eine Stimme...

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Lied und soziale Bewegungen

Lied und soziale Bewegungen e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der sich dem politischen Lied verschrieben hat. In seinem Archiv sammelt er Lieder und Dokumente der neuen Liedkultur seit den 60er Jahren, insbesondere der Liedermacher- und Singebewegung der DDR und des internationalen Festivals des politischen Liedes in Berlin (1970-1990), um eine differenzierte öffentliche Auseinandersetzung damit zu ermöglichen. Der Verein Lied und soziale Bewegungen veranstaltet seit dem Jahr 2000 das Festival Musik und Politik, Konzerte, Diskussionen und Ausstellungen, gibt Broschüren heraus und unterstützt journalistische, wissenschaftliche und künstlerische Projektemehr


"Revolutionslyrik" von Roland Wanitschka, Verlag am Park 2006


Rezension
Ein Unverbesserlicher ist er, der Autor dieser "Revolutionslyrik": Roland Wanitschka, Jahrgang 1959, Gewerkschafter, überzeugter Kommunist und nach eigenen Worten "mit dem Gerechtigkeitsvirus infiziert" seit er 15 ist. Sein breites gesellschaftliches Engage-ment in DDR und BRD - von Flüchtlingsarbeit über Antirassismus und Antifaschismus bis zu Menschenrechtsfragen - ist in poetische, kraftvolle Sprache geflossen. "Ein Leitfa-den für den Kopf und das menschliche Handeln" ist daraus geworden, der in der "Finster-nis des Heute" Hoffnung für das Morgen geben will.
Selbst durch die Wende mit Brüchen in der eigenen Biographie konfrontiert, zieht sich durch die "unvollendeten Fragmente zur DDR" und die Fragen nach der Macht eine un-verbrüchliche Überzeugung: dass es kein oben und unten mehr geben soll, sondern menschliche Begegnung auf gleicher Augenhöhe.
Wer Roland Wanitschka kennt, weiß, dass er dies auch so zu leben versucht: Als Perso-nalrat, als Aktivist, als Freund und Vater einer Tochter.

Wanitschka, Roland (2006): Revolutionslyrik - Gedichte von der Finsternis des Heute, der Ahnung des Gestern und dem Aufbruch des Lichts im Morgen. Verlag am Park in der edition ost (www.edition-ost.de). ISBN-10 3-89793-125-7. 9,90 Euro

Lesungen auf Anfrage möglich: Roland Wanitschka, PF 1144, 99801 Eisenach, Tel. 03691-212548

 

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