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Alles hat sich gelohnt...
(Dreizehnbogen - die neue CD von Franz Josef Degenhardt)

Nein, es ist kein Jubiläumsalbum für die 68er Bewegung. Und es ist auch weder zu erwarten noch zu wünschen, dass in dem medialen Geschichtsklitternden Sumpf, der zur Zeit über 1968 verbreitet wird, FJD eine Rolle spielt. Degenhardt hat allerdings nicht nur das politische Lied und das Liedermacher-Genre in diesem Land begründet und gilt bis heute als der bedeutendste, einflussreichste Sänger der so genannten 68er Bewegung – er beweist mit seiner neuesten CD-Veröffentlichung auf ein Neues, wie poetisch, lyrisch gekonnt, hochaktuell - und unverzichtbar er für uns ist.

Dreizehnbogen ist eine Brücke, doch dazu später. Das Album „Dreizehnbogen“ spannt einen Bogen von zehn Liedern über politische wie persönliche Themen, die scheinbar nicht zusammengehören, aber zusammenfassend ein eindrucksvolles Stimmungsbild des vorherrschenden Zeitgeistes und (wie oft bei Degenhardt) über Menschen, „die überhaupt nicht auf der Höhe der Zeit...“ sind, geben.

Im Auftakt-Stück „Digitaler Bohemien“ zum Beispiel zeichnet FJD das Bild eines Kaufhausmusikanten, der eine Tiefenbrucker Violine spielt, einen superhohen IQ hat und nebenbei Counterstrike-Spiele entwickelt. Die auf diese Figur projizierten Wunschbilder einer Lifestyle-Schicht haben sich längst als Hirngespinste entwickelt. An Stelle ihres Traumes vom friedlichen Lebenskunst-Kapitän bleibt am Schluss nur der Rat:

Von Grund auf muss alles geändert werden,

das ist es, was du ja seit jeher weißt:

die Müßiggänger beiseite schieben,

wie es im Lied der Proleten heißt.

Die Tafel am langen Tisch im Gonsbachtal (LP „Wildledermantelmann“, 1977) hat sich längst aufgelöst. Und die Hoffnung, dass die Tauben es schaffen, den Habicht zu besiegen, ist in weite Ferne gerückt. Im zweiten Lied „den Fluss hinunter“ geht es um die Letzten vom Gonsbachtal – nach dem Temperabild von Gertrude Degenhardt „Le bon vieux temps“. Sie fahren den Fluss (der Zeit) hinunter, vorbei an Kaimauern aus Schädeln oder Steinen. Anders als vor dreißig Jahren sind allerdings die Konturen dessen, was hinter dem Horizont liegt, heute verschwommen, kaum noch erkennbar:

Die Sonne steht längst hinterm Horizont,

„da wird es dann weitergehen“,

singt der Sänger, und ob es sich lohnt,

müsse man dann einfach sehen.

Honig und Milch, so was fließe da noch.

Das wird allerdings bestritten,

das weiß der kluge Nachtvogel, doch

herrschten da keine Eliten...

Im Zentrum der neuen CD stehen eine Handvoll Lieder, die sich mit dem Thema (zu dem es in unserem Land so wenig Bewegung gibt) Krieg auseinandersetzen. Facettenartig beschreiben die Songs aus unterschiedlichen Blickwinkeln Kriegsgräuel in Gegenwart und Vergangenheit und zeichnen zusammengefügt(gehört) eine scharfe Anklage gegen die Barbarei des Krieges. Der erste Beitrag dieser Liedfolge ist „das Leibregiment“ (Text: Kurt Tucholsky, Musik: Werner Richard Heymann), danach kommt eine Fortsetzung des bekannten Endlos-Sprechgesang-Stückes zum Krieg von Väterchen Franz über die Perversion des Mordens im Irak und in Afghanistan, an die wir mit der Bekanntgabe der Todeszahlen kurz vor den Börsennachrichten jeden Tag aufs Neue gewöhnt werden sollen: „...So? Eine Hochzeitsgesellschaft? Wer feiert denn Hochzeit mitten im Krieg?...“ –

Es folgt die weitere Vertonung eines Klassikers, „das Trauerspiel von Afghanistan“ im Jahr 1848 in der Ballade von Theodor Fontane (1858). - Das für mich beeindruckendste Anti-Kriegs-Lied in dieser Reihe stammt allerdings von Franz Josef Degenhardt selbst: „Die Kartusche“ ist eine Hommage auf den schrulligen Deserteur und Friedensaktivisten Onkel Heinz, der sinnbildlich für die politische Grundlektion der deutschen Nachkriegsgeneration steht. „Nie wieder Krieg und scheiß’ auf den Sieg“ heißt es im Refrain. Das Lied gehört auf die Hitliste der aktuellen Friedenslieder. Nicht zuletzt wegen der klaren Abrechnung mit jeglicher Angriffskriegsbesoffenheit Deutschlands in den vergangenen 10 Jahren:

Ich hab’ die Kartusche geputzt und gedacht:

Gut, dass er’s nicht mehr mitgekriegt hat,

wie die NATO voller Hass

Serbien bombardierte, und dass

man hier mal wieder die Schnauze hielt,

die Hosen voll, nach oben schielt...

Im letzten Lied auf dem Album geht es um eine Art Zeitreise. “Dreizehnbogen“ heißt die Eisenbahnbrücke im Revier, die immer wieder umgebaut, abgerissen, erneuert wurde. Die jetzige hat keine Bogen mehr, nur mächtige halbrunde Stahlbeton-Klötze, heißt aber immer noch Dreizehnbogen – und: die Sprengstofflöcher sind heute wieder angelegt...

Es ist wieder mal ein Besuch in der Unterstadt, in den neuen alten Schmuddelkinder –Ecken und -Höhlen, am Bahndamm, in der Kneipe. Es ist eine Begegnung mit den alten Jugendbekanntschaften, mit Rosa (deren Tochter Hannah jetzt nach Amerika geht), und mit Engelbert und Paddy, dem Wirt vom „Gleisanschluss“. Was die Jungen im Viertel heute machen, weiß man eigentlich nicht so genau, aber die Alten sind fast alle noch da, und mit ihnen gibt es die gemeinsame Sprache, die gemeinsamen Erinnerungen und ihre Verlässlichkeit. „Dreizehnbogen“ ist (mit und ohne Brücke) zusammenfassend eine gelungene Metapher auf den langsamen Abschied, das aus-demLicht-treten einer ganzen Proletengeneration – reich an Bildern und den persönlichen Geschichtchen der Bewohner eines Arbeiterviertels.

Das Album hätte es verdient, ähnlich ausführliche Beschreibungen zur Musik zu erhalten (schließlich waren und sind auch die musikalischen Arrangements bei Degenhardt-Liedern stets etwas Besonderes) – allerdings geht dies aus Platzgründen nicht. Neben zwei Solostücken tragen die Aufnahmen wie in den letzten Jahren die bewährte Handschrift von Kai Degenhardt (Gitarren) und Goetz Steeger (Keyboards, Percussion Bass, Melodica, Mundharmonika). Vom ersten Lied (Digitaler Bohemien) mit passendem ¾-Takt im Sound einer abgespeckten Straßen-Combo bis zum letzten (Dreizehnbogen) sind die Harmonien, die instrumentale Besetzung und die Solo-Einspielungen stets stimmig zu den Inhalten der Texte und zum Gesang. Besonders beeindruckend ist bei allen Liedern wieder die große Bandbreite der Gitarrenvirtuosität von Kai (Finger-Picking, akkustische Slide- und E-Gitarren, klassische Gitarre). Beim „Trauerspiel von Afghanistan“ verwandelt sich zu den bedrohlichen Kriegstrommeln der E-Gitarren-Sound sogar zu einem Schrapnell. - Wer Kai live hören will, hat beim 3.Kulturforum der DKP (23.-25.5.08) in Nürnberg Gelegenheit dazu.

Halt, zu einem Lied müssen noch ein paar Sätze geschrieben werden: Auch wenn das Ziel nach dem Horizont heute verschwommen ist, hat sich unser opferreicher Kampf doch gelohnt. Franz Josef Degenhardt gibt uns mit der Vertonung des wunderschönen Gedichtes von Louis Fürnberg „Jeder Traum“ einen optimistischen und Mut machenden Ausklang:

Jeder Traum, an den ich mich verschwendet,

jeder Kampf, wo ich mich nicht geschont,

jeder Sonnenstrahl, der mich geblendet –

alles hat am Ende sich gelohnt...

Alles hat sich gelohnt. Alles lohnt sich. Auch heute, wo wir nicht mehr viele sind. Und – man geht nicht von der Fahne (Degenhardt).

Die CD kann bestellt werden für 17,90 Euro beim Neue Impulse Versand.